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Den Kontrabass stimmen

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Zugeordnete Kategorien: Neuling - Stimmen & Stimmungen

the_bass Profilseite von , 02.10.2006, 03:32:04
Den Kontrabass stimmen
Alle im europäischen Sinfonieorchester üblichen Streichinstrumente stimmen auf die gleiche Weise. Alle? Nein! Eine kleine Gruppe von Musikern hört nicht auf, dem Stimmen in Intervallen Widerstand zu leisten...

Immer wieder stelle ich fest, dass ich der einzige bin, der seinen Bass nicht mit der üblichen wuh-wuh-Technik stimmt, bei der man den Stimmton mit dem a-Flageolett auf der D-Saite übernimmt und dann mit Flageolett weiterarbeitet in der Weise, dass man immer zwei benachbarte Saiten mit dem GLEICHEN Flageolett-Ton NACHEINANDER anspielt und vergleicht: D-A mit Fl-a, A-E mit Fl-e, E-H mit Fl-h und zum Schluß G-D mit Fl-d. Diese Technik wurde auch mir zu Anfang beigebracht. NATÜRLICH! sagen mir fast alle, wie auch sonst? Man hört bei diesen hohen Tönen einfach besser und vor allem ist es fast so leicht wie mit nem Stimmgerät, da man ja blos auf die Schwebungen zu achten braucht, die bei schlecht gestimmten Saiten sofort und für jeden klar erkennbar auftreten.

So natürlich finde ich es allerdings nicht: Da hört man diese eindeutige Schwebung und kann sie doch nicht in einem Rutsch tilgen, da man ja die Flageoletts mit der linken Hand erzeugt und den Ton mit dem Bogen in der Rechten hervorruft. Mit welcher Hand soll man nun an den Wirbeln drehen? Also weg von den Saiten mit links und kräftig gedreht und wieder zurück um zu hören, ob man schon richtig liegt oder nochmal nachbessern muß. Mit einiger Übung braucht man irgendwann nur noch 2-3 Verbesserungen. Auch sind die Flageoletts nicht allzu laut. Stimmen im Orchester geht schon mal gar nicht und wenn man lieb ist und den Bässen Ruhe gönnt, stören manchmal schon die Schwebungen innerhalb der Bassgruppe. Aber jeden einzeln stimmen lassen ist dann doch etwas zeitaufwändig.

Ein Blick auf Geigen, Bratschen und Celli macht deutlich: es geht auch anders! Diese glücklichen Menschen spielen die benachbarten Saiten einfach GLEICHZEITIG an und korrigieren das dabei entstehende Intervall, also eine Quinte. Die leeren Saiten klingen laut und lange nach und so kann man das Intervall hören, während man es GLEICHZEITIG korrigiert.

Aber der gemeine Bass stimmt ja in Quarten?!
Wohl wahr. Es muß also ein Kompromiss gefunden werden:
Man nehme den Stimmton auf der D-Saite ab wie man Lust hat - ich nehme einfach die leere D-Saite und höre eine Quarte. Sodann verfahre man wie folgt. GLEICHZEITIGES Anspielen von leerer G-Saite und dem Oktav-D auf der D-Saite als Flageolett. Heraus kommt eine Quarte. Wir stellen fest: laut! Klingt lange nach! Gut zu hören, da das Oktav-Flageolett angenehm hoch klingt. Wir nehmen die linke Hand von der D-Saite - der Ton klingt einfach weiter! Also fleißig am Wirbel der G-Saite drehen und hören, wie das Intervall immer schöner wird. Gleiches Spiel mit den anderen Saiten. Untere der beiden in Flageolett-Oktave, obere der beiden leer anspielen. Untere korrigieren. 4 kräftige Striche bzw. 5 beim 5-Saiter. Kein lästig-wuschiges wuh-wuh.
Fertig!
makro Profilseite von makro, 02.10.2006, 10:57:56
Dies ist eine gute und wie ich meine auch bessere Möglichkeit das Instrument zu stimmen als auf die herkömmliche Weise via Falgeolett. Allerdings möchte ich darauf hinzuweisen das es sich bei den zu stimmenden Intervallen nicht um Quarten sondern um Quinten (zb. leere Saite G + Oktavflageolett der D-Saite) handelt.
streichbass_ Profilseite von , 02.10.2006, 12:09:25
Im Barock- bzw. klassischen Orchester hat sich eingebürgert, daß das Cello die Töne G, D und A einzeln anstreicht und die Bässe dazu die leeren Saiten einstimmen. Das ist MIT ABSTAND die sauberste und zeitsparendste Variante.
Aber das mit dem Oktav-Flageolett finde ich auch prima und beim Solospiel wende ich es auch an.
Frank W Profilseite von , 02.10.2006, 15:43:50
Hallo,
ich stimme im Dienst meistens mit dem Stimmgerät ein. Dazu klemme ich ein kleines Clipmikro an den Steg.
Von der Flagolettmethode halte ich auch nicht all zu viel.
Zumal viele im Aufstrich das Flagolett kräftig nachdrücken.
Gerne stimme ich auch mit der leeren D-Saite zum A der Oboe ein. Diese Quinte hört man gut und vermeidet ein zu hohes Abnehmen durch das Flagolett.
(diese Methode stammt übrigens von Celibidache selig)
Grüße
Frank
Wolf-Dieter Profilseite von , 02.10.2006, 15:44:58
Die sauberste und zeitsparendste Variante zum Stimmen des Kontrabasses im Orchester ist das eigene Stimmgerät. Die Cellisten und Geiger auf Dauer zum Stillhalten zu bewegen, während die Kontrabässe stimmen, oder von den Celli einen Stimmton oder sogar mehrere zu bekommen, ist fern der Realität. Das Problem mit dem Stimmgerät ist allerdings, eine korrekte Auskunft zum Stimmton (in Hertz) zu bekommen und die hämischen Blicke und dummen Bemerkungen auszuhalten.
Frank W Profilseite von , 03.10.2006, 11:49:11
Die meisten Oboisten haben während sie das A angeben auch das Stimmgerät an.


Mich würde interessieren, welche Stimmordung in anderen Orchester gelten.
Bei uns wird in folgender Reihenfolge eingestimmt:
Bässe und Celli, Rest der Streicher und dann Bläser.

Grüße
Frank


P.S.
Wäre doch mal interessant, wenn alle tiefen Streicher ihre Leersaiten mit dem Stimmgerät einstimmen würden.
Erfahrungsgemäß stimmen die Celli ihre tiefen Saiten sehr schlampig ein, was gerne zu Unsauberkeiten führt. Und wir Bässe müssen dann ausgleichen, weil ja die Celli immer die absolute Wahrheit für sich pachten.
Wolf-Dieter Profilseite von , 03.10.2006, 12:20:08
Wir haben im Orchester mal folgende Prozedur vereinbart: der Konzertmeister holt sich den Ton von der Oboe oder vom Stimmgerät, dann stimmen die Kontrabässe allein alle vier Saiten, dann sind die Celli dran, dann die Bratschen, dann die Violinen. Leider war dieser hehre Vorsatz bald wieder vergessen und es geht inzwischen wieder zu wie auf dem Hühnerhof. Deshalb mein Plädoyer für das Stimmgerät. Das mit den tiefen Saiten der Celli kann ich nur unterschreiben.
streichbass Profilseite von streichbass, 04.10.2006, 21:58:37
@ Wolf Dieter: Im Barockorchester ist das nicht fern der Realität, sondern absolut usus, einzelne Saiten zu stimmen.
Wenn schon Stimmgerät, dann nimm doch schnell und unauffällig das a von der Oboe mit (mit dem eingebauten Mikro), zu dem Zeitpunkt ist es meistens recht still im Raum. Dann hast du die Stimmtonhöhe ohne Spott und kannst in Ruhe mit dem Clip deine Saiten stimmen.
Ich sollte mal vor einem Probespiel mit Gerät stimmen ("schnell, schnell") und als ich dann drinnen war, haute es mit dem Klavier überhaupt nicht hin. Seitdem verlasse ich  mich lieber auf meine Ohren.     
DerBassist Profilseite von DerBassist, 29.10.2006, 11:19:03
Stimmgerät halte ich für eine gute Variante, da die Oboe auch meist eins hat. Der Rest ist sozusagen "Schaustimmen".
Wir mussten in unserem Jugendorchster diesen Herbst auf 442 bzw 443 Hertz stimmen, da wir 2 Orgelsymphonien zu spielen hatten. Wir Bässe haben vorher immer schön mit Stimmgerät auf die benötigte Frequenz gestimmt, das hat auch ganz gut funktioniert. Eigentlich hatten wir die Regel dass die Bässe alleine stimmen, da die unterschiedlichen Intervalle "Celloquälerei" beim gleichzeitigen Stimmen seien, wie meine Mitspielerin es so schön ausgedrückt hat, aber da wir in Kirchen gespielt haben, in denen es ja doch einen beträchtlichen Nachhall gibt, haben letztenendes doch Celli und Bässe zusammen gestimmt, da die Celli gegen die hohen Streicher nicht durchgekommen wären. Aber in Konzertsäälen ist das Nacheinander-Stimmen der Celli und Bässe denke ich doch von Vorteil (wir wollen die vituosen Cellisten doch nicht mit unserer Quartstimmung durcheinanderbringen ;-) )
DerBassist Profilseite von DerBassist, 01.11.2006, 08:45:28
Hab gestern die Variante von The_Bass ausprobiert...die Intervalle klingen echt gut, perfekt zum Stimmen. leider greift bei mir das Flageolett nicht lange, fällt also bald wieder auf Normal-D und damit auf die Quarte zurück, aber vielleicht ist das eine Frage der Technik (Ich habe auch im Stehen gestimmt, im Sitzen geht es wohl einfacher)
bassknecht Profilseite von bassknecht, 03.11.2006, 00:20:34
Hallo, ich würde zunächst unterscheiden zwischen dem Problem „Übernahme eines Referenztones auf eine Saite“ und dem Problem diesen Referenzton zur Stimmung der verbliebenen Saiten zu benutzen. Die Lösung der ersten Aufgabe ist zwar Vorausetzung für die Bewerkstelligung der Zweiten, trotzdem geht es nach einer primär gestimmten Saite bei der  dann folgenden „Binnenstimmung“ um andere Gegebenheiten.

Es ist richtig, das die hohen Streicher einen gewissen Vorteil dadurch haben, dass sie mit Leersaiten viel lauter sein können als Kontrabässe mit Flageoletten. Die  Lautstärke hat eine Bedeutung für die Durchsetzungsfähigkeit gegen den Lärm der anderen. Die vergleichende Beurteilung von Tonhöhen nach Gehör, ist meiner Ansicht nach etwas Individuelles und in den Feinheiten manchmal sehr subjektiv bis zickig, trotzdem glaube ich, dass reine Quinten nicht unbedingt besser zu bestimmen sind als Primen und Oktaven. Den Referenzton nehmen ja auch alle als Prime bzw. Oktave ab, oder gibt es  Konzertmeister die zu dem Oboen A zuerst die  E Saite stimmen?

Ich glaube, dass der entscheidende Vorteil der hohen Streicher darin besteht, da sie zwei Saiten in etwa gleicher Lautstärke und als liegenden Zweiklang spielen und während sie das tun die Tonhöhe  einer Saite verändern und eine analog dem  sich verändernden Saitenzug veränderte Klangauswirkung erzeugen. Damit stellt sich nicht zwangsläufig  die alleinige Frage „muss die eine der Saiten höher oder tiefer“ (=Wuh Wuh), sondern man beurteilt eine glissandoartige Intervallveränderung als dynamischen Prozess und erlebt „Aha, durch diese Drehrichtung des Stimmwirbels wird es analog meiner Bewegungsgrösse beschissener“ oder „ich bin auf dem richtigen Weg“. Prima - aber können wir Kontrabassisten uns diese klangliche Möglichkeit aneignen um nicht benachteiligt zu sein?

Es ist möglich die Leersaiten als reine Quarten zu hören. Wenn man denn überhaupt in der Lage ist irgend in Intervall sicher zu erkennen und dessen Intonation zu beurteilen, kann man das auch mit den tiefen Quarten systematisch üben und definitiv lernen. So ist  man auf dem gleichen Level wie die hohen Streicher. Schwierig wird das zunächst, wenn vier oder sechs Kontrabässe dieses zeitgleich und laut tun, weil man unsicher wird welches das eigene Binnenintervall ist und welches Intervall sich aus dem Zweiklang von zwei Instrumenten ergibt. Das gleiche Problem haben die andern Streicher auch, bei uns ist es vergleichsweise viel problematischer, weil  die Kontrabässe  den Klang  nicht kugelig sondern  überwiegend nach vorne abstrahlen und  ausserdem die Schallwellen der tiefsten Grundetöne  erst in einiger Entfernung vor dem Instrument ausgeschwungen haben. Das ist der Klang den die anderen Streicher hören, wir nehmen unseren Klang selbst anders wahr und auch das ist ein Grund dafür, dass das Einstimmen von Kontrabässen mit Leersaiten  als schwierig gilt bzw. (zu Unrecht) als Unmöglichkeit deklariert wird.

Das Phänomen der akustischen  Irrealität, aufgrund der Nähe zum eignen Instrument, kennen die anderen Streicher nicht. Trotzdem bekommen die hohen Streicher  wahrscheinlich erst mal einen Föhn wenn Kontrabässe in Leersaiten einstimmen, weil ihre Einstimmlautstärke mal nicht dominiert. Vermutlich werden sie sich beschweren und behaupten sich selbst nicht mehr zu hören und nicht korrekt einstimmen zu können. Auf Grundlage dieser Krisensituation könnte man ihnen ein gewisses Problembewusstsein  für die Einstimmbesonderheiten von Kontrabässen nahebringen und  somit einen Verhaltenskodex aushandeln, wonach die  Kontrabässe Gelegenheit bekommen separat einzustimmen und zwar solange bis die Bassgruppe signalisiert „wir sind fertig“.

Dann kann man die einfacheren und leiseren Einstimmmethoden anwenden, günstig ist es sicher, sich innerhalb der Bassgruppe auf eine einheitliche Stimmmethode zu einigen und diese dann auch festzulegen. Ich persönlich kann die Einstimmflageolette in der dritten Lage mittels Bindung (auf einen Strich, also nicht Wuh Wuh) so erzeugen, dass deren Abweichung vom Primklang  nach dem Abheben von Bogen und Fingern noch ca drei bis fünf Sekunden  zu hören ist, Zeit genug um an eine Stimmmechanik zu greifen und zu hören was mit dem im Raum stehenden Flageolettklang  passiert, wenn ich den Stimmwirbel bewege. Das geht genau so gut wie mit den Oktavflageoletten, ist für mich balancemässsig einfacher und ich finde zwei Flageolette von der Klangfarblichkeit her einheitlicher, darum hörend sicherer zu beurteilen. 

Die Einstimmethode mit der Quinte, erzeugt aus Oktavflageolett und nächst höherer Leersaite  ist ein genau so alter Hut wie die Primstimmung mit Flageoletten.  Leider funktioniert beides nicht, wenn man bei einem Fünfsaiter die tiefste Saite auf  Kontra C stimmen muss (meist ist ein Subcontra H weder nötig noch spieltechnisch  sinnvoll). Ich wende den Quintvergleich (bzw Sextvergleich) nur als Endkontrolle  meiner Flageolettstimmung an, wenn der allgemeine Einstimmlärm riesig ist und keine Einigung zu erzielen ist. Wenn dann hinterher jemand  wegen einer unsauberen Leeresaite bei mir meckert, haue ich ihm aufs Maul. Es wird sowieso immer zuviel Trara um Intonation gemacht, die meisten Kollegen tun sich damit wichtig, weil sie oft nicht fähig sind eine nachvollziehbaren Meinung zu musikalischer Gestaltung und  künstlerischer Qualität zu artikulieren.

Leute macht euch nicht ins Hemd, ihr wisst doch „Ein reiner Ton auf einem Kontrabass ist reiner Zufall“ –   ich frage: „und warum hat man die Kisten dann nicht schon längst  aus dem Verkehr gezogen?“  „Wir erzeugen eben ein Geräusch das benötigt wird“.  Letztere Aussagen stammen  von Leuten die nicht das Zünglein an der Waage darstellen aber auch nicht unbedingt als Dummköpfe verschrien sind.  So sehe ich das. Ciao Roland        
Neuester Beitrag Wolf-Dieter Profilseite von , 03.11.2006, 08:06:25
Roland, danke für diesen Beitrag, der das Wesentliche auf den Punkt gebracht und bei mir neue Einsichten generiert hat.
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